medizinische Blutegel zur Therapie in der TCM

Blutegel zur Therapie in der TCM

Wie man mit dem Blutegel den Fluss des Blutes harmonisiert.

Ein 15 Zentimeter langes, wurmartiges Tier verbeisst sich in der Haut und labt sich am menschlichen Blut. Wenn Blutegel zubeissen, tun sie das zielsicher, schnell und schmerzlos. Eine Szene aus einem Gruselfilm? Nein – bloss eine harmlose Blutegeltherapie in der Traditionellen Chinesischen Medizin.

Blutegel im 21. Jahrhundert?

In manchen Kliniken und Naturheilpraxen gehören diese Tierchen zur Grundausstattung. Die Vorstellung, dass ein Ringelwurm bei ihnen Blut saugen könnte, löst bei den meisten Menschen Ekel aus. Warum, ist eigentlich unklar. Wegen einer mehr oder minder natürlichen Abscheu gegenüber allem, was da kreucht und fleucht? Oder ist es doch eher die von Hollywood & Co. genährte Horrorvision, dass in modrigen Gewässern tausende von gefrässigen Egeln darauf warten, einen unschuldigen Schwimmer bis zum bitteren Ende auszusaugen?

Diese Vorurteile haften dem Blutegel zu Unrecht an, denn er ist überhaupt nicht blutgierig. Ihm genügen ein bis zwei Mahlzeiten pro Jahr. Der Egel hat auch keinesfalls das Ziel, seinen Wirt durch den Biss zu töten. Schließlich soll der Gebissene zu einem späteren Zeitpunkt wieder als Festmahl zur Verfügung stehen.

Praktisch auf der ganzen Welt sind die Blutegel verbreitet. Ihre hervorstechende Eigenschaft spiegelt sich in den Namen wieder, mit denen verschiedene Völker die Egel benennen. „Sangisug“ heissen sie in Malta, „blodsuger“ auf Dänisch. Schon seit mehr als 2.000 Jahren stehen die Blutegel, lateinisch Hirudo officinalis, im Dienste der Gesundheit. Seit den siebziger Jahren erlebt der Sauger auch seine Anerkennung durch die Naturwissenschaft.

Lebende Apotheken

Die moderne Biochemie hat viele der Wirksubstanzen analysiert, welche die Blutegel beim Biss abgeben. „Kleine lebende Apotheken“ werden sie respektvoll genannt: ihr Speichel enthält blutverdünnende Wikstoffe sowie Antibiotika-ähnliche und wundreinigende Substanzen. Nachdem die Blutegel jahrtausendelang nur von Naturheilkundigen zum sanften Aderlass eingesetzt wurden, haben nun auch so manche Schulmediziner die gesundheitsfördernde Wirkung der Egelbisse erkannt.

TCM Blutegeltherapie

Wirksubstanzen

Die vom Blutegel abgegebene Speichelflüssigkeit enthält folgende bisher identifizierte Substanzen:

  • HIRUDIN (der Name ist abgeleitet von Hirudo medicinalis = medizinischer Blutegel): sorgt für die Hemmung der Blutgerinnung. Bei dem ca. 30 minütigen Saugakt ist es natürlich notwendig, die Wunde offen und das Blut fließfähig zu halten.
  • CALIN. hemmt ebenfalls die Blutgerinnung. Calin bewirkt nun im Anschluss an das „schnelle“ Hirudin die ca. 12 h dauernde Reinigung der Wunde durch Nachbluten. Es kommt zu dem bekannten, sanften Aderlass. Währenddessen tritt der“Ausbreitungsfaktor“, die HYALURONIDASE, in Aktion: der Weg für die wirksamen (und heilsamen) Substanzen wird vorbereitet.
  • Eine antibiotische Eigenschaft der Hyaluronidase ist umstritten. Eine wahrscheinlich histaminähnliche Substanz (vielleicht ist es auch Acetylcholin) wirkt gefäßerweiternd: das Blut strömt zu der „gebissenen“ Stelle.
  • EGLINE, BDELLIN, APYRASE, KOLLAGENASE wirken mit unterschiedlichen Mechanismen bei der Gerinnungshemmung mit: Darüber hinaus haben einige dieser Substanzen entzündungshemmende und weitergehende Eigenschaften.
  • Ausserdem gibt der Egel noch DESTABILASE, PIYAVIT und andere Substanzen ab, die die natürliche Wirkstoffkomposition abrunden.

Wann setzt man die Blutegeltherapie ein?

Wir setzen den Blutegel sehr vielseitig ein. Gute Erfolge erzielen wir unter anderem bei Venenleiden oder auch bei der Behandlung von Ohrensausen (Tinnitus), wo der Egel unterhalb des Ohrs zubeissen darf. Eine weitere Einsatzmöglichkeit liegt beim schwierig zu behandelnden Herpes Zoster (Gürtelrose). Viele Patienten leiden als Folge dieser Krankheit unter chronischen Schmerzen und einer extremen Überempfindlichkeit auf Berührung. Bei Herpes Zoster wird der Egel zur Schmerztherapie eingesetzt. Die Tiere beissen entlang dem Verlauf der betroffenen Nervenstränge in die Haut, manchmal sechs bis sieben Egel gleichzeitig. Die Schmerzen nach einer Gürtelrose entstehen wegen einer Entzündung der Nervenbahnen. Rund zwölf Stunden nach der Blutegeltherapie setzt die entzündungshemmende und schmerzstillende Wirkung des Egelbisses ein – und hält bei manchen Patienten mehrere Monate lang an.

Das Spezialgebiet der kleinen Sauger

Alle entzündlichen oder gar gewebezerstörenden Vorgänge in und um Wunden. Besonders eindrückliche Erfolge sind zu vermerken, wenn bei verletzten Patienten um den Erhalt von abgetrennten und wieder angenähten Gliedmassen gekämpft wird. Oft staut sich im angenähten Finger oder Fuss das Blut – Blut-Stagnation in der TCM genannt – das Gewebe schwillt an und beginnt mit der Zeit abzusterben. In einer solchen Situation sind Blutegel die einzigen kompetenten Heiler: sie saugen das gestaute Blut ab. Zusätzlich bringen die blutverdünndenden Substanzen, die durch den Biss ins Gewebe gelangen, die Blutzirkulation wieder auf Touren.

Wie läuft eine Blutegeltherapie in der Praxis ab?

Der Arzt oder Therapeut setzt den Egel an der dafür vorgesehenen Stelle an. Doch der Hirudo ist ein Feinschmecker – er möchte sich seinen Futterplatz selbst aussuchen. Manchmal muss das Tierchen, obwohl hungrig, noch zum Beissen animiert werden, was mit Hilfe einiger kühler Wassertropfen auch meist gelingt. Eine Blutegel-Therapie dauert rund eine bis zwei Stunden, danach hat sich der Egel vollgesogen. Damit er bei einem zweiten Einsatz keine Krankheiterreger übertragen kann, wird der Egel nach dem Biss getötet. Die Bisswunde allerdings kann durchaus noch mehrere Stunden, ja bis zu zwei Tage lang nachbluten.

Woher kommen die medizinischen Blutegel?

Die zu medizinischen Zwecken vorgesehenen Egel fängt man nicht in irgendwelchen Flüssen oder Sümpfen. Spezielle Farmen sind auf Egelzucht spezialisiert. Auf Bestellung werden die hungrigen Tierchen per Express zugestellt. In der Schweiz kostet ein Blutegel Fr. 8.50. Wer es billiger haben möchte, muss in Deutschland einkaufen gehen: dort werden Blutegel für EUR 4.00 das Stück angeboten. Ab 20 Tieren gibt’s Mengenrabatt. Manche Zuchtfarmen nehmen „gebrauchte“ Blutegel zurück und lassen sie „in Pension“ gehen. Dies mit einem logischen Argument: Niemand sollte seinen Arzt töten, nachdem er von ihm erfolgreich behandelt wurde.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: